Warum mir Kohls Akten gestohlen bleiben können

Nichts ist faszinierender, als die Geschichte irgendwie am Rockzipfel zu fassen zu bekommen. Gerade auch für (Politik-)Journalisten. Über den Grund lässt sich nur spekulieren. Vermutlich stecken sie knietief im Morast der Alltagsbanalitäten irgendwo zwischen Bildungsnotstand und Mindestlohn. Gottlob gibt es Wichtigeres.

Kohl; Akten; Kanzlerschaft

Möchtegern-Lichtgestalt mit Aktenhunger: Ex-Kanzler Kohl

Zum Beispiel hat die Frage, was mit den Unterlagen des Ex-Bundeskanzlers Kohl passieren soll, eine ganz andere Gravität. Sonst würden nicht “Spiegel” und “Süddeutsche” (wohl nicht ganz unabhängig voneinander) darüber räsonnieren, wo diese Akten hingehören. Und ob es nicht wichtig wäre, sie für die Öffentlichkeit zugänglich aufzubewahren – also in einem staatlichen Archiv. Zur Not halt auch in der Konrad-Adenauer-Stiftung, also einem Partei-Archiv. Die Süddeutsche will den Kasus Kohl nutzen, um eine allgemeine Regelung für Politiker-Nachlässe zu finden, der Spiegel will sich vielleicht ein bisschen hämisch über die sehr offensichtliche Strategie von Maike Kohl-Richter („Witwe in Werdung“) lustig machen.

Was der Historiker will
Nun kann ich mich sehr gut in Historiker hineinversetzen. Vermutlich, weil ich selbst einer bin – zumindest ein gelernter, kein praktizierender. Während der Arbeit an meiner Dissertation erhoffte ich mir just von jenen Akten, die ich gerade nicht kriegen konnte, die spektakulärsten Erkenntnisse. Man ging den Archivaren so lange auf den Senkel, bis sie ein Erbarmen hatten und die Faszikel rausrückten. Und dann der ernüchternde Moment: Aus den erhofften Papieren schlug einem die blanke Banalität der Zeit entgegen wie die schwüle Mittagshitze im Maracana-Stadion. Matte Ernüchterung folgte.

Ich vermute, so ist das auch mit der Ära Kohl und der Deutschen Einheit. Wer darüber forschen will (übrigens: einer meiner besten Freunde hat zur Deutschen Einheit ein höchst lesenswertes Buch geschrieben, und zwar fast ganz ohne Kohl-Akten), findet dazu genug relevantes Quellenmaterial in Koblenz, Washington, Moskau und London oder in weiteren Bibliotheken und Archiven der Welt. Freilich kann ich die Historiker verstehen: Schon aus methodischer Hygiene mag sich keiner vorwerfen lassen, einen wichtigen Aktenbestand ausgelassen zu haben (was ihm dann Rezensenten brühwarm vorwerfen werden).

Was der Zeitzeuge sagt
Es braucht aber auch den Kontrast durch Zeitzeugen. Also durch mich. Meine Meinung über Helmut Kohl steht längst fest – mit oder ohne Akten: Er hatte nie die Klasse eines Helmut Schmidt oder selbst Franz-Josef Strauß, er wurde von den bundesrepublikanischen Intellektuellen der 80er Jahre zu Recht als Dumpfbacke („Birne muss Kanzler bleiben“) verhohnepiepelt. Vom Besuch des Soldatenfriedhofs in Bitburg über den pathetischen Handschlag mit Mitterrand, vom Pfälzer Saumagen über die Strickjacke im Kaukasus bis schließlich zur Plünderung der Sozialkassen zur Finanzierung der Folgekosten der Einheit: Alles, was dieser Mann angefasst hat, hatte entweder keinen Stil („Bimbes“) oder war irgendwie falsch. Kohl ging einfach gar nicht. Er hatte 16 Jahre lang vor allem Dusel. Auch die Deutsche Einheit flog ihm zu – allerdings wie eine überteuerte Antiquität, die man wenig später auf dem Flohmarkt hinterhergeworfen bekommt. Immerhin war er im Starrsinn so konsequent, dass er sich, weil er alle möglichen Nachfolger für Idioten hielt, schlicht abwählen ließ. An welchem Körperteil ihm demokratische Gepflogenheiten vorbei gingen, demonstrierte er mit dem Satz, der von ihm bleiben wird: “Ich nenne die Namen der Spender nicht!”. Apropos Körperteil: Heute wissen wir, was damals leider nicht in den Zeitungen stand (und wohl auch nicht aus seinen Akten hervorgehen dürfte): Dass der Mann mit einem enormen, angesichts seiner Physis irgendwie ekelhaft anmutenden erotischen Appetit unterwegs war. Und dass es schon lange vor Monica Lewinsky mitten in Deutschland Praktikantinnen gab, die sich vom wichtigsten Mann im Staate gerne haben schnackseln lassen.

Meine Botschaft ist also klar: Meinetwegen können die Akten Kohls im Oggersheimer Bunker verfaulen. Cooler fände ich es natürlich, sie würden gemeinsam mit der Asche von Christoph Schlingensief feierlich im Wolfgangsee versenkt. Nur auf eines habe ich überhaupt keine Lust: irgendwann einen Historiker-Schmöker lesen zu müssen, der mir feinziseliert mit Tausend Belegen aus Kohls Akten erklärt, warum die tumbe „Birne der Nation“ ein weitsichtiger weltmännischer politischer Visionär gewesen sein soll. Denn das kann eigentlich gar nicht sein.

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Im Hauptberuf Kommunikationsprofi mit einer Schwäche für elektronische Musik (Hören und Machen).
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