Psst: Geheim …

Hat noch jemand die Doku-Serie über Geheimbünde und Verschwörungstheorien im ZDF gesehen? Was für ein wilder Hokuspokus! Normalerweise bin ich ja immer entzückt, wenn es den öffentlich-rechtlichen Sendern einfällt, ihre Fantastilliarden von GEZ-Gebühren und Steuergeldern auch mal in informative Formate zu stecken, statt uns mit immer neuen Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen zu beglücken. Aber was sie hier angestellt haben, das schoss für mich schon den Vogel ab.

So geheim, dass auch manch wichtige Info ungesagt blieb: Historische Formate im ZDF.

Im ersten Teil wurden einige altbekannte “Verschwörungstheorien” (Prieuré de Sion, Weisen von Zion, Nine Eleven, Mondlandung) aufgearbeitet, die der geübte Internet-User in einer Viertelstunde zusammenrecherchiert und “aufgeklärt” hätte. Das war einfallslos, aber o.k. Im zweiten Teil ging es dann um die berühmten „Geheimbünde“. Hier gab es dann auch nachgespielte Szenen (klar: Original-Footage von Geheimbünden ist wohl eher rar). Unter anderem ein Initiations-Ritual der Skull-and-Bones-Verbindung in Yale. Hat mich ein wenig an die Klassenkeile erinnert, die ich vor ein paar Jahrzehnten mal bekommen habe. Vielleicht bin ich ja auch Teil eines Geheimbundes, ohne es zu wissen? Das wäre mal wirklich geheim. Beleg für die schier unglaubliche Macht von Skull and Bones: Sowohl George W. Bush wie auch John Kerry waren Mitglieder. Und beide reagierten sehr reserviert, als sie in TV-Interviews auf diese Mitgliedschaft angesprochen wurden. Hallo? Wäre Skull and Bones wirklich geheim, wüsste man nicht, dass die beiden Mitglieder sind. Und sind die Autoren der Sendung mal auf die Idee gekommen, dass die beiden aus demselben Grund nicht öffentlich über ihre Mitwirkung bei Skull and Bones reden wollten, aus denen auch langweilige deutsche Minister nicht über ihre Zeiten in einer Studentenverbindung plaudern wollen? Was kommt da wohl raus? Saufgelagen und irgendwelches Gemauschel mit Kumpels. Nach meinem Verständnis geht Weltherrschaft anders.

Apropos „Gedanken gemacht“ – das wäre auch an anderer Stelle gut für die Sendung gewesen. Etwa als es um die mysteriöse Zahl „Dreizehn“ auf den Dollar-Geldnoten ging (Sterne, Pfeile). Sicher, sie könnte damit zusammenhängen, dass Benjamin Franklin den Rosenkreuzern positiv gegenüberstand (oder gar ein Mitglied war) und dass es bei denen wie auch in vielen anderen Geheimbünden 13 Stufen zu durchlaufen gab. Andererseits: Wie viele Gründungsstaaten hatten die USA gleich nochmal? Richtig: 13.

Klar, mit solchem Wissen muss sich ein Frühneuzeit-Ordinarius wie Marian Füssel nicht unbedingt belasten. Der wissenschaftliche Kopf der Sendung hatte genug damit zu tun, an verschiedenen Orten der Welt (Rom, Paris, Südfrankreich, New York, München) durchs Bild zu watscheln und sich von uns Zuschauern bei hartnäckigen Recherchen in Buchläden in der Upper East Side beobachten zu lassen. Was er aber hätte wissen und in die Sendung einbringen können, ist folgendes: Im Absolutismus gab es eine Frühform der politischen Polizei. Die hatte, angesichts verfassungsloser Staaten, in denen die Menschenrechte unbekannt waren, sehr umfassende Befugnisse. Was für Leute sehr unangenehm werden konnte, die über Verfassung und Menschenrechte nachdachten – mithin über Möglichkeiten, den König als obersten Chef der politischen Polizei in seinen Rechten einzuschränken. Diese Opposition hatte zurecht Angst vor Aufdeckung und agierte daher … richtig: im Geheimen. Um nicht unterwandert oder verraten zu werden, haben sie bei den eigenen Mitgliedern diskriminierendes Material in Form von Beichten gesammelt und aufbewahrt. Dass man in diesen Bünden (Illuminati, Rosenkreuzer etc.) plante, auch die “Machtzentralen” zu unterwandern, ist ein Zeichen für planvollen politischen Pragmatismus. Das war zweihundert Jahre später (beim “Marsch durch die Institutionen” einiger APO-Mitglieder) ganz ähnlich.

Wie reißerisch manche Formate sind, erkennt man auch an den Weiterempfehlungen in der Mediathek. Wer “Geheimbünde” angeschaut hat, fand auch Damen-Unterwäschemodels interessant. Wäre vielleicht sogar die bessere Sendung gewesen.

Aber so viel Einordnung in den Kontext ist wohl für eine ZDF-Produktion etwas viel verlangt. Dort wird die Seichtheit einer historischen Sendung in der Maßeinheit „Guido Knopp“ gemessen. Und mehr als sieben Knopp („Hitlers Frauen“) übersteigen wohl das Fassungsvermögen eines Programmdirektors auf dem Lerchenberg. Sonst wäre man vielleicht der Frage nachgegangen, wo in Europa und der westlichen Welt die (völlig überzogenen) Vorstellungen von „Weltherrschaft“ herkommen, die sich über solche Geheimbünde vermeintlich erzielen bzw. aufrechterhalten lässt, welche Rolle dabei symboliche Sprache spielt (die ja eigentlich kein Mensch ohne Semiotik-Lehrstuhl heute mehr verstehen könnte, außer vielleicht Dan Brown) oder wieso es keine klassischen Geheimbünde im asiatisch-pazifischen Raum gab. Und hätte dann eine echt interessante Sendung gehabt. Naja, Chance vertan. Vielleicht mit den nächsten GEZ-Fantastilliarden.

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Im Hauptberuf Kommunikationsprofi mit einer Schwäche für elektronische Musik (Hören und Machen).
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