Wissen, wo der Pfeffer wächst

Den eigenen Milchbauern zu kennen, ist kein Kunststück. Ich kenne jetzt sogar meinen Pfefferbauern – wenn auch nicht persönlich. Er heißt Ngoun Li und lebt in Kambodscha.

aneemann.de über den Pfefferanbau und Farmlink

Wer kennt schon seine Pfefferbauern? Ich, dank Farmlink und der Möglichkeit, über FindFarmer nachzusehen.

Vor ein paar Jahren war ich in einem Kochkurs. Als es darum ging, die Sauce zu machen, nahm unser Koch kügelchenweise rote Pfefferkörner aus einem Glas und zerrieb sie in einem Handmörser. „Da, riecht mal“, forderte er uns auf und reichte das Schälchen herum. „Das ist Kampot-Pfeffer.“ Überraschend fruchtige, gleichwohl erdige Schärfe waberte uns entgegen – genau der Grund, warum sich dieser Pfeffer zum Anrühren einer Sauce so gut eignete. Noch am selben Abend kaufte ich ein Gläschen dieses Kampot-Pfeffer. Den Handmörser auch. Billig war das nicht. Aber schon wenig später wollte ich keinen anderen Pfeffer mehr verwenden. Mehrfach kaufte ich Nachfüllpackungen und neben dem roten (immer noch der beste) auch schwarzen und weißen Kampot-Pfeffer. Schon der Kochlehrer hatte erklärt, wo der Pfeffer herkam: aus Kambodscha. Ein Land, in dessen Böden ich eher übriggebliebene Sprengfallen der Roten Khmer vermutet hätte als roten Pfeffer.

Farmlink – wörtlich genommen

Irgendwann las ich mir mal die Verpackung etwas aufmerksamer durch. Hier war ein 13stelliger Code aufgedruckt. Dass das was mit Rückverfolgbarkeit zu tun hatte, dachte ich mir schon. Es ging aber nicht darum, mögliche Beschwerden zu platzieren (Anlass dafür gab es ohnehin nicht). Der Hersteller Hennes’ Finest, der mit der Fair-Trade-Organisation Farmlink kooperiert, bietet die Möglichkeit an, über den Code den jeweiligen Bauern ausfindig zu machen. Da ließ ich mich nicht lange bitten, gab “meinen” Code ein – und siehe da: Im Bild erscheinen Ngoun Li und seine Frau. Die Web-Anwendung bot mir sogar die Möglichkeit, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen. Da mir nichts Vernünftiges einfiel außer „I enjoy your Pepper very much!“, ließ ich es bleiben.

Aus vier werden 100: Wachstumsrate 2.400 Prozent

Hennes' Finest vertreibt den guten Kampot Pfeffer

Hennes’ Finest vertreibt den guten Kampot Pfeffer

Ich stöberte dann auf der Website des Händlers herum. Neben der netten Geschichte dieser Firma und ihrer Idee vom Handel mit Kampot-Pfeffer (als zeitgemäßes Image-Video verfilmt) las ich auch den Blog. Demnach fahren die Geschäftsführer regelmäßig nach Kambodscha, um sich über die Produktionsbedingungen zu informieren und ihre Kontakte zu Farmlink aufzufrischen. Übrigens bin ich keineswegs der einzige Fan dieses Pfeffers. Der Firma mit Sitz in Köln geht es prächtig – und auch der Pfefferanbau in der Kampot-Region prosperiert. Laut Hennes’ Finest sind aus den ursprünglich nur vier nun knapp 100 auf Pfeffer spezialisierte landwirtschaftliche Betriebe geworden. Pfefferanbau ist ein Investitionsgeschäft, denn bevor die Pflanzen verwertbare Früchte tragen, müssen sie drei Jahre „gehegt“ werden. Also sind vermutlich noch ein paar Farmen in der Aufbauphase.

Über Ngoun Li habe ich immerhin erfahren, dass er mit dem Anbau von weißem Pfeffer seine vierköpfige Familie ernähren kann. Der Clou beim Kampot-Pfeffer von Farmlink / Hennes’ Finest ist nicht nur die Güte der jeweiligen Charge sondern auch die Tatsache, dass Ausschuss von Hand aussortiert wird. Anders als in herkömmlichen Pfefferchargen gibt es also keine verschrumpelten Körner aus verschimmelten Pflanzen, die den Geschmack beeinträchtigen.

Aber ich gerate ins Schwärmen und schweife ab. Was hier eigentlich Faszinierendes stattfindet, ist doch das: Eine Region auf der anderen Hälfte der Weltkugel (ehemaliges Kriegsgebiet) nimmt ganz entspannt an einem irren Aufschwung teil – also ganz ohne Hype, Investoren und Big Business auf der einen, aber auch so ziemlich ohne Ethik-Gesäusel und Dritte-Welt-Pathos auf der andere Seite. Hier verbindet sich Lifestyle mit fairem Handel, Postmaterialismus mit Digitalisierung, regionale Wirtschaft mit Globalisierung. Wer weiß: Ein paar Macher, die authentisch und glaubwürdig sind, die die Möglichkeiten des Internet und professioneller Vermarktung gekonnt einsetzen – und prompt haben wir eines Tages vielleicht auch den Kaffee- und Kakao-, ja und möglicherweise auch den Bananenhandel auf einigermaßen faire Beine gestellt. Und vielleicht ist das Modell ja auch interessant für die Milchbauern aus dem Nachbarkaff. Müssten sie sich mal informieren – und hingehen, wo der Pfeffer wächst.

Admin

About Admin

Im Hauptberuf Kommunikationsprofi mit einer Schwäche für elektronische Musik (Hören und Machen).
This entry was posted in Gesellschaft. Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>