„Dieser Betrieb wird bestreikt“, oder: Desinteresse im Newsroom

Alle berichten über den Ausstand – aber kaum jemand kümmert sich um brisante Details: Lokführer- und KiTa-Streik

Für den Journalismus in Deutschland, so kommt es mir vor, gibt es zwei heilige Kühe: den Karneval und Streiks. In beiden Fällen berichtet man brav den Sachverhalt runter, ohne auf die Relevanz zu achten oder mal Hintergründe zu recherchieren. Beim Karneval ist der Spuk ja in wenigen Tagen vorbei. Beim Streiken eher nicht, da geht es jetzt erst so richtig los.

Über die jüngste Bahnstreik-Serie beispielsweise berichteten alle Medien ebenso pflichtbewusst wie oberflächlich: Zeitpunkt und voraussichtliche Dauer der von der Mikro-Gewerkschaft GDL initiierten „Ausstände“ – auch dieses Synonym ein Traditionsbestand. Nicht fehlen durften die obligatorischen Leser-Services („Was tun, wenn mein Zug nicht fährt?“). Fehlen durften allerdings die Hintergründe zum Verständnis des Ganzen.
Welche Positionen waren denn strittig zwischen GDL und Bahn? In Fernseh-Interviews wurde Lokführer-Führer Claus Weselsky zu dieser Frage keineswegs gegrillt, sondern durfte minutenlang seine sächselnde Beleidigtheit darüber verbreiten, dass die Bahn-Delegation schon den Verhandlungsort verlassen hatte, als die GDL-Leute noch nach ihrer Lesebrille suchten und dass die GDL dafür streikt, dass der Artikel 9 des Grundgesetzes nicht zur Disposition steht. Man stelle sich mal vor, das Kanzleramt versuchte, die Hauptstadt-Journaille mit ähnlichen Nebelkerzen über die NSA-Ausspähversuche bei Laune zu halten. Aber beim Lahmlegen eines erheblichen Teils der hiesigen Verkehrs-Infrastruktur ist der deutsche Journalist offenbar kulant: kein Nachhaken, keine Zwischenfragen, keine Hartnäckigkeit. Zum Verständnis: Ein Großteil der Züge stand (und steht vielleicht bald wieder) still, weil die GDL einen Tarifvertrag auch für Rangierlokführer abschließen möchte, in der diese paar hundert Menschen ein paar Euro Fuffzich mehr bekommen als gemäß eines schon existierenden Tarifvertrags, den die Bahn mit der (größeren aber weniger radikalen) Gewerkschaft EVG abgeschlossen hat. Wäre diese Information, die die GDL aus gutem Grund nicht mal auf ihrer eigenen Website erwähnt, nicht wichtig gewesen für das Publikum, um die Angemessenheit und Relevanz dieses Streiks beurteilen zu können? Auch schön: Eher beiläufig (und nur durch eine Pressemitteilung des Deutschen Beamtenbundes) kam heraus, dass die GDL acht ihrer Streikwellen noch nicht mal aus der eigenen Streikkasse finanziert, sondern sich Zuschüsse vom Deutschen Beamtenbund gesichert hatte. Noch Fragen, Kienzle? Ja, Hauser: Haben wir nicht in der Oberstufe alle gelernt, dass deutsche Beamte nicht streiken dürfen? Aber einen (mit Verlaub: höchst unverhältnismäßigen) Streik finanzieren, das geht? Und aus welchen Töpfen kam die Kohle für die GDL? Waren da am Ende Steuermittel im Spiel?

Angebot, Nachfrage, kommunale Budgets? Egal.
Jetzt könnte man sagen: Ist doch am Ende alles gut. Die Streit- (und Streik-)Hähne haben sich auf eine Schlichtung geeinigt, Weselsky darf sogar eine Person seines Vertrauens aus der Nachfolgepartei der SED nominieren – zu der er offenbar nicht nur dialektal eine große Nähe hat. Das wird schon. Aber die Berichterstattung zum KiTa-Streik ist nicht viel besser. Mit großer populistischer Verve zelebriert sich hier Frank Bsirske seit langem mal wieder als Arbeiterinnenführer. Sein unbefristeter Streik legt die KiTas in vielen Städten lahm und damit ebenfalls einen Teil der öffentlichen Infrastruktur, von dessen Funktion der Alltag vieler berufstätiger Menschen abhängt. Und was passiert in der Tagesschau zur besten Sendezeit? O-Töne von Gewerkschafts-Verstehern, man möge doch die Leute, denen man „unsere Kinder anvertraut“ nicht schlechter bezahlen als “gleichwertige Facharbeiter”. Noch Fragen, Kienzle? Ja, Hauser: Was sind gleichwertige Facharbeiter und was haben die für Arbeitszeiten? Erfolgt die Bezahlung nicht nach dem Tarif des öffentlichen Dienstes? Gibt es im öffentlichen Dienst nicht zusätzliche Vergünstigungen (Urlaubstage, Arbeitsplatzsicherheit), die es so in der freien Wirtschaft nicht gibt? Müsste die Finanzlage der Kommunen nicht auch eine Rolle spielen? Und worum geht es beim Streik ganz konkret? Darum, dass KiTa-Erzieherinnen nach 15 Berufsjahren – davon gibt es etwa 2.300 – nicht nach Tarifgruppe S6 (3.300 Euro brutto), sondern nach S8 (3.700 Euro brutto) bezahlt werden. Ist ein unbefristeter Streik für dieses Ziel noch verhältnismäßig? Wie viel Brutto bekommen wohl einige der Eltern, die für ihre Halbtagsstelle in der freien Wirtschaft auf eine funktionierende KiTa angewiesen sind?

Wo bleibt die “Haltung”?
Wieso kommen solche Details in der Berichterstattung kaum oder gar nicht vor? Vielleicht weil sich hinter ihnen eine große Grundsatzfrage verbirgt: Wird hier nicht die Grenze der Tarifautonomie sichtbar? Was passiert, wenn gut organisierte Partikularinteressen dem nicht organisierten Interesse der breiten Allgemeinheit im Weg stehen? Wenn sich aufgrund von Alphamännchentum und persönlicher Sturheit kein Ausgleich herstellen lässt und ein immenser wirtschaftlicher Schaden die Folge ist? Wäre das nicht ein Fall, journalistische “Haltung” zu beweisen, statt in den Redaktionsstuben weiterzumachen wie bisher? Gelernte Muster seit der Adenauerzeit: Streik gibt es eben, wen interessieren da schon die Hintergründe? So wie Karneval. Da fragt sich ja auch niemand, wie viele Deutsche heute überhaupt noch in der römisch-katholischen Kirche Mitglied sind (29 Prozent) und ob nicht Konfessionslose (34 Prozent) und Muslime (5 Prozent) zusammen einen viel höheren Anteil an der Gesellschaft haben.

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Im Hauptberuf Kommunikationsprofi mit einer Schwäche für elektronische Musik (Hören und Machen).
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